International Sculpture Center
 

Grenzfluktuationen:
Die Ästhetische Evolution der digitalen Skulptur

                                                                                              von Christiane Paul
Status und Wert
Es besteht kein Zweifel daran, daß neue Design- und Visualisierungstechnologien --von 3D bis Rapid Prototyping -- die Konstruktion und Wahrnehmung von Dreidimensionalität verändert und den Bildhauern neue Möglichkeiten eröffnet haben.
Michael Rees ist der Meinung, daß digitale Technologien die Intention, die er mit seiner Arbeit verfolgt, transparenter als je zuvor gemacht haben. Auch wenn er zugibt, daß die Aussage Widersprüche beinhaltet, ist er der Ansicht, daß sich die Frage nach dem "wie" der Herstellung einer Skulptur verringert hat, während die Frage nach dem Inhalt mehr in den Vordergrund getreten ist. Die Verwendung digitaler Technologien beim Produktionsprozeß einer Skulptur erregt momentan zwar einfach Aufmerksamkeit durch ihre Neuartigkeit, aber in der Zukunft kann sie neue Dimensionen für die Bedeutung von Skulpturen erschließen -- jenseits der bestehenden Grenzen von Form, Maßstab, Schwerkraft und Raum. Wie Rees richtig bemerkt, kann man diese Entwicklung nicht allein auf Computer zurückführen -- Kunst und Sprache im allgemeinen und auch Konzeptkunst haben eine bedeutende Rolle in diesem Prozeß gespielt.
Natürlich hat digitale Skulptur den gleichen Status und Wert wie jede andere Form der Bildhauerei auch -- oder zumindestens sollte sie ihn haben. Die Verwendung von Information und Maschinen zur Herstellung von Objekten ist, wie Christian Lavigne sich ausdrückt, nichts anderes als die logische Konsequenz einer Evolution, die im neolithischen Zeitalter begann, als die Menschen beschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und damit begannen, etwas "zu erschaffen". Das Endziel wäre, das Sichtbare und "Reale" durch pure Gedankenkraft zu kreieren. Lavigne sieht digitale und virtuelle Skulptur (la sculpture numérique) als einen Gedanken und eine "Schrift", die sich materialisieren.
Auch wenn es möglich ist, eine lange kunsthistorische Tradition der digitalen Skulptur aufzuzeichnen, sind doch radikal neue Elemente mit ihr verbunden, die es erforderlich machen, frühere Werte erneut zu überdenken. Es fällt nicht schwer, sich Dan Collins Meinung anzuschließen, daß der Status der digitalen Skulptur, was die Glaubwürdigkeit innerhalb der Kunstwelt betrifft, immer noch niedrig ist und daß unter den Kritikern, Kuratoren, Kennern und Sammlern, die die Bedingungen innerhalb der künstlich kreierten "geschlossenen Gesellschaft" der professionellen Kunstwelt definieren, ein gewißer "Bildungsbedarf" besteht.

Christian Lavigne

Es wäre nicht das erste Mal, daß der offizielle Kunstbetrieb bei der Begrüßung eines neuen Mediums hinterherhinkt (man denke an die schleppende Akzeptanz von Fotografie, Druck, Video und anderen "technologischen" Kunstgattungen.) - Dan Collins

Ein Hauptgrund für den Widerstand und das Mißtrauen auf Seiten der traditionellen Kunstwelt ist die Möglichkeit der unendlichen Reproduzierbarkeit digitaler Arbeiten, die die Frage nach Kopie und Original aufwirft. Der Kunstmarkt basiert zum größten Teil auf einem ökonomischen Modell, das Wert mit Seltenheit und der Idee des Originals gleichsetzt, obwohl man erwarten könnte, daß die Akzeptanz von Fotografie und Video als Kunstformen dieses Modell erweitert hätte. Collins berichtet, daß selbst seine zahlreichen Beschwörungen des Geistes von Walter Benjamin (dessen Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" zu einer Art Manifesto geworden ist) nichts gegen die Verwunderung darüber ausrichten konnten, wie man Kunst sammeln kann, die theoretisch endlos reproduzierbar ist.

Auch Christian Lavigne charakterisiert die Haltung, die Sammler und ein Großteil des Kunstmarkts gegenüber elektronischer Kunst einnehmen, als eher feindlich -- was er zum einen Teil auf eine gewisse Ignoranz bezüglich dieser Kunst und zum anderen Teil auf die Fortsetzung einer Form von Kannibalismus zurückführt, der die "Seele" der Künstler zu konsumieren versucht anstatt mit dem "Geheimnis" ihrer Arbeiten zu spielen.

Trotz des möglichen Widerstandes innerhalb des Kunstmarkts kann kein Zweifel daran bestehen, daß sich das Feld der digitalen Skulptur beständig erweitert, und Smith glaubt, daß "es sich um das einzige Neugeborene in der Skulpturenwelt handelt, das mehrere gesunde Generationen ästhetischer Evolution zu produzieren verspricht".

Derrick Woodham weist darauf hin, daß die Universitäten in den USA eine wichtige Rolle bei der Förderung der Kreation digitaler Skulpturen gespielt haben. Das Interesse von Bildungseinrichtungen an der Entwicklung und Anwendung neuer Computertechnologien hat für die Bereitstellung von Mitteln gesorgt und eine Vielzahl von Praktikern zu Arbeiten in einem Umfeld ermutigt, das weniger von finanziellen Beschränkungen diktiert wird.

Home | About ISC | ISC Conferences | Sculpture Magazine
Portfolio
| Exhibitions | Libraries | Opportunities | Discussion Forum

         TERMS AND CONDITIONS

Web Site Development by Cybermill Inc.