International Sculpture Center
 

Grenzfluktuationen:
Die Ästhetische Evolution der digitalen Skulptur

                                                                                               von Christiane Paul
Interdisziplinäre Kreuzungen

Die digitale Welt hat den Anwendungsbereich von Informationen erhöht und Voraussetzungen dafür geschaffen, daß sich die Grenzen zwischen den Disziplinen zunehmend auflösen. Wissenschaftliche Darstellungen von "Wirklichkeit" spiegeln sich heute in den Kommunikationsprozessen und künstlerischen Praktiken der digitalen Kultur wider (und umgekehrt). Ein Teil der "digitalen Skulpturen" basiert auf Quellenmaterialien oder arbeitet mit Konzepten, die aus der Wissenschaft, Medizin, Archäologie und Geschichte der Technologie stammen, was zu einer Erweiterung des Kontextes für Kunst führt.

Meine Arbeit hat ihren Ursprung in einem interdisziplinären Kontext, in dem sie konzipiert, produziert, rezensiert und hoffentlich verstanden wird und der abseits vom dem liegt, was normalerweise als Kunstgeschichte gilt. - Dan Collins

Zu den Disziplinen, die Robert Smith als Quellen für seine Skulpturen auflistet, zählen sowohl Archäologie, Anthropologie, Zoologie, Anatomie und wissenschaftliche Visualisierungsmodelle als auch (mikro)kosmische Fotografie und CGI-Spezialeffekte -- ganz abgesehen von "kunsthistorischen" Einflüßen wie Dada, Surrealismus und Abstraktion. Christian Lavigne erklärt, daß Dichtung, Mythologie und Wissenschaft direkten Einfluß auf seine Arbeit genommen haben, und weist auf die Gefahren einer Kunst hin, die sich mit nichts anderem als der Kunstgeschichte selbst beschäftigt. Seiner Ansicht nach zeichnet sich die Kunst der westlichen Welt zu sehr durch Selbstreflexivität aus, zitiert sich zuviel selbst, was sich dann wiederum in der institutionellen Kunstwelt widerspiegelt.

Meiner Meinung nach sollte die Lektüre eines guten Künstlers aus dem Magazin "Scientific American", Molière, Shakespeare, japanischer Dichtung und Katalogen für Damenunterwäsche bestehen. Diese Liste ist natürlich nicht vollständig. Künstler müssen offen für die Welt, die Vielfalt der Kulturen und des Wissens sein. - Christian Lavigne

Die Geschichten der Formen, die er verwendet, zu ergründen -- in den verschiedenen Disziplinen, mit denen sie in Zusammenhang stehen -- ist eine wichtige Basis für Derrick Woodham's Interesse an seiner Arbeit. Obwohl er es vermeidet, Disziplinen direkt zu "zitieren", um seinen Skulpturen eine spezifische Bedeutung zu verleihen, ist es ihm sehr wichtig, seine Arbeit mit der sozialen Bedeutung der Formen und der Mittel, mit denen sie produziert werden, zu durchsetzen.
Michael Rees' Skulpturen lassen sich zu einem gewißen Grad sogar als Rekonfiguration und Erweiterung wissenschaftlicher Disziplinen verstehen. Rees borgt oft Bilder aus der Anatomie, um Bereiche zu erforschen, die er als "spirituell-psychologische Anatomie" bezeichnet. Anatomische Elemente und organische Formen werden zu komplexen plastischen Strukturen verwoben, die Fragen nach dem wissenschaftlichen Anspruch einer Sinnlichkeit aufwerfen, die die bekannten Strukturen des Körpers überschreitet.
Rees verwendet die Wissenschaft und ihre Bilder dazu, Systeme zu verflechten -- analytisch und intuitiv. Er meint, daß die pragmatischen Fragen, mit denen er sich beschäftigt, zwar wissenschaftlich orientiert seien, aber eher in den Bereich des Ingenieurwesens passten als in denjenigen der theoretischen, "hohen Wissenschaft". Rees transponiert den Gegensatz hohe Wissenschaft/Populärwissenschaft in den Kunstbereich und kommt zu der Gleichung "hohe Wissenschaft = hohe Kunst", "Ingenieurwesen = Populärkunst".

Mir kommt es ohnehin schon so vor, als müßte ich vorsichtig durch ein Minenfield drohenden Unheils tänzeln, wenn ich versuche, einen Kontext für das herzustellen, was sich eigentlich, bei einiger Überlegung, dieser Art von Beschränkung widersetzt...

Bei meiner Kunst geht es nicht um Repräsentation, Interpretation oder Übertragung. Sie beschäftigt sich in keinster Weise mit den wiedererkennenden Funktionen des Geistes -- sofern es nicht darum geht, sie zu vermeiden -- aber sie ist dabei nicht abstrakt; sie ist, zumindestens in erster Linie, was sie ist. - Keith Brown

Die Masse des Wissens, die wir Kunst nennen, ist, wie Keith Brown betont, untrennbar mit dem Gefüge des Gesamtwissens verbunden. Browns Arbeit knüpft auf verschiedenen Ebenen an eine Vielzahl von Disziplinen an, und er beschreibt seine Arbeitsweise als einen fließenden und grenzenlos ausufernden Prozeß, der --unkontrollierbar, nicht-linear und komplex -- zahlreiche Kontexte durchdringt.

Michael Rees
Die Masse des Wissens, die wir Kunst nennen, ist, wie Keith Brown . Die Offenheit, die er in und durch seine Kunst sucht, liegt schon in der Natur der Kunst selbst und, wenn möglich, versucht er sie auf eine positiv distanzierte Art und Weise zu verfolgen. Für Brown ist es gerade diese Form von Distanz, die ihm erlaubt, die Verbindung zu anderen Forschungsdisziplinen, wie z.B. Philosophie und Kosmologie, zu knüpfen oder sich in sie zu verirren. Das, was bisher außerhalb unser Erfahrung lag, bedeutungsvoll und verständlich zu machen, führt, wie Brown es formuliert, zwangsläufig zu einer Inter-Aktivität der Disziplinen.

Wie wird Wissen -- in seiner in 3D übertragenen (dynamischen) Form-- repräsentiert oder konstruiert, angeordnet, zugänglich gemacht und reproduziert? Wir haben es (unter anderem) mit einer zunehmend komplexen und immer reicher werdenden Palette für den Künstler zu tun. Aber sie stellt den Künstler auch ins Zentrum eines interdisziplinären Dialogs... und macht ihn nicht zu einem unwesentlichen Repräsentanten im Abseits des Gesprächs. - Dan Collins

Es bleibt abzuwarten, ob digitale Technologien und der freie Fluß von Informationen, auf dem sie letztendlich beruhen, es möglich machen werden, die Grenzen aufzulösen, die die traditionellen, auf abgegrenzten Bereichen beruhenden Modelle unserer Kultur setzen.


Robert Michael Smith

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